Alice-Salomon-Schule Hannover · 2026

Selbstregulation.
Beziehung.
Demokratie.

Teilnehmer-Handout zum Workshop „Empathie, Selbstregulation und demokratische Beziehungsgestaltung“ – mit den fünf natürlichen Kompetenzen, dialogischen Übungen und dem Vier-Schritte-Format zur Beziehungskompetenz.

Mit uns selbst beginnen

01

Mit uns selbst beginnen

Das Bild der Glasscheibe

Lars Gustafsson beschreibt Beziehungen mit dem Bild einer Glasscheibe. Wenn der Kontakt gut ist, ist die Scheibe klar: Wir können den anderen sehen und bleiben zugleich bei uns. In herausfordernden Begegnungen kann die Scheibe trüb werden – etwa durch Ärger, Unsicherheit, Vorannahmen, frühere Erfahrungen oder sprachliche und kulturelle Missverständnisse.

01

Wenn die Scheibe klar ist

Wir können unser Gegenüber wahrnehmen und verstehen, ohne den Kontakt zu uns selbst zu verlieren.

02

Wenn die Scheibe trüb wird

Der typische Impuls ist, auf der anderen Seite zu putzen: „Du musst anders sprechen. Du musst dich ändern. Du musst verstehen, was ich meine.“

03

Auf der eigenen Seite beginnen

Warum fällt es mir gerade so schwer, diesen Menschen unter seinen Bedingungen zu sehen? Welche Bewertung ist bereits entstanden? Was brauche ich, um wieder klar und professionell zu handeln?

Das Ziel ist keine vollkommen saubere Scheibe. Ein kleiner klarer Fleck genügt. Vielleicht kann ich dann wieder eine echte Frage stellen, eine Grenze ohne Abwertung formulieren oder einen Moment länger warten, bevor ich reagiere.

Selbstregulation

Selbstregulation heißt nicht, Gefühle wegzumachen. Sie bedeutet, den eigenen Zustand wahrzunehmen und so zu beeinflussen, dass wieder eine Wahl im Handeln möglich wird.

Die drei Ebenen des Workshops

Wir beginnen bei der Selbstregulation, schauen dann auf Beziehungskompetenz und fragen schließlich, was beides mit demokratischer Beziehungsgestaltung zu tun hat. Demokratie zeigt sich auch darin, wie wir mit Unterschiedlichkeit, Widerspruch und Konflikten umgehen.

02

Eine Landkarte, keine Checkliste

Die fünf natürlichen Kompetenzen

Pentagramm nach Jes Bertelsen mit Herz, Kreativität, Bewusstsein, Atem und Körper um die Mitte Ganzheit und Authentizität
Pentagramm nach Jes Bertelsen · EmS-Praxislandkarte
HerzVerbindung

Empathie, Mitgefühl, Vertrauen und Anerkennung – einschließlich der Fähigkeit, Unterstützung anzunehmen.

Frage: Ist mein Herz noch offen genug, die Person zu sehen?

KreativitätMöglichkeit

Lebendig und passend antworten, statt automatisch ein altes Muster zu wiederholen.

Frage: Welche andere Reaktion wäre möglich?

BewusstseinAufmerksamkeit

Bemerken, was gerade geschieht, und Gedanken wahrnehmen, ohne sie sofort für Tatsachen zu halten.

Frage: Welche Geschichte erzähle ich mir gerade?

AtemAnker

Den Atem nicht erzwingen, sondern als unmittelbare Rückmeldung aus dem gegenwärtigen Moment wahrnehmen.

Frage: Wie atme ich gerade?

KörperRückmeldung

Spannung, Unruhe, Wärme, Druck oder den Kontakt zum Boden bemerken.

Frage: Was spüre ich – ohne es sofort ändern zu müssen?

„Natürlich“ meint hier: grundsätzlich angelegte Zugänge. Das Pentagramm ist ein EmS-internes didaktisches Modell und kein aus den unten genannten Wissenschaftsquellen abgeleiteter Wirksamkeitsnachweis.

03

Im Schulalltag: ankommen · beruhigen · aktivieren · verbinden

Übungen für den Alltag

Je nach Situation auswählen

Vier Funktionen im Schulalltag

  • Ankommen: Stretch Around the Heart
  • Beruhigen: den Atem wahrnehmen
  • Aktivieren: Bewegung
  • Verbinden: Spiel

Regulation bedeutet nicht immer Beruhigung. Manchmal brauchen wir Ruhe, manchmal Bewegung, Verbindung oder Freude.

Sprache der Einladung

Freiwilligkeit und Selbstwahrnehmung

Nicht: „Jetzt müsst ihr euch entspannen.“ Sondern: „Probiert aus, welche Bewegung heute angenehm ist.“ Gute Regulation heißt, den eigenen Zustand passend zur Situation beeinflussen zu können.

Es geht nicht darum, junge Menschen ständig herunterzuregulieren.

Zu zweit · etwa 10–14 Minuten

Empathie-Dialog: „Was habe ich erlebt?“

Wählt ein bedeutsames Erlebnis, das sich gut teilen lässt. Person A erzählt drei Minuten. Person B hört zu: ohne Ratschlag, eigene Geschichte oder vorschnelle Einordnung.

  1. Erzählen3 Minuten
  2. Nachfrage„Wie ist es jetzt, nachdem du davon erzählt hast?“
  3. Resonanz„So war es für mich zuzuhören …“
  4. Pausezwei ruhige Atemzüge, dann Rollenwechsel

Zuhören heißt nicht zustimmen. Perspektivübernahme erkundet die innere Logik eines anderen Menschen. Widerspruch und klare Grenzen bleiben möglich.

Optionaler Übungstimer

03:00

Bereit für die Erzählzeit.

04

Beziehungskompetenz in herausfordernden Situationen

Vier Schritte für herausfordernde Situationen

Beziehungskompetenz nach Helle Jensen

Das pädagogische Handwerk besteht in der Fähigkeit der Fachperson, das einzelne Kind zu seinen eigenen Bedingungen zu sehen und das eigene Verhalten darauf abzustimmen, ohne zugleich die Führung abzugeben.

Die pädagogische Ethik liegt in der vollen Verantwortung der erwachsenen Fachperson für die Qualität der Beziehung.

Paradigmenwechsel

Von Verhaltenskontrolle zu Beziehungsgestaltung

Die Führung bleibt bei der Fachperson. Verändert wird, wie sie ausgeübt wird: klar, persönlich und beziehungsorientiert.

  • MachtausübungEinbeziehung
  • DisziplinierungDialog & Gespräch
  • Fokus auf VerhaltenFokus auf Beziehung
  • Korrigieren & BelehrenEmpathie & Betreuung
  • wertendanerkennend & reflektierend
  • Rollenautoritätpersönliche Autorität
1

Situation beschreiben

Die Situation zunächst beschreiben, ohne sie zu analysieren. Was ist konkret geschehen? Welche Worte wurden gesagt? Wer hat wie reagiert?

Beobachtung und Bewertung zunächst voneinander unterscheiden.

2

Selbstreflexion

Was macht die Situation mit mir? Welche Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen sind da? Wie ist mein Kontakt zu Herz, Kreativität, Bewusstsein, Atem und Körper?

Wo konnte ich den Kontakt bewahren und wo habe ich ihn verloren?

3

Perspektivwechsel

Wie könnte die Situation aus der Sicht meines Gegenübers aussehen? Was treibt die Person möglicherweise an? Was fehlt ihr oder welches Bedürfnis wurde nicht gesehen?

Verstehen bedeutet nicht automatisch zustimmen.

4

Handlungsstrategien

Was hätte ich selbst verändern können? Wie kann ich mein Verhalten besser abstimmen und zugleich meine eigene Botschaft authentisch vertreten?

Anerkennen, was ich wahrnehme, und verantwortlich handeln.

Das Vier-Schritte-Modell ist ein EmS-internes Reflexions- und Dialogformat, unter anderem für kollegiale Intervision. Es ist kein Modell der SWK.

Praxisbeispiel Finn

Führung behalten – Kontakt wiederherstellen

Finn wird in der Gruppenarbeit unruhig, verliert Material und möchte hinaus. Die Lehrkraft spürt Ärger, Hilflosigkeit und den Wunsch, Kontrolle herzustellen.

Nicht vorschnell: „Finn stört schon wieder.“

Erst Selbstkontakt: Was geschieht in mir, wenn ich Kontrolle verliere?

Dann Perspektive: Gruppenarbeit überfordert Finn; Bewegung kann ihm helfen, sich zu regulieren.

„Wir müssen heute in Gruppen arbeiten, und ich weiß, dass du das nicht gern machst. Überlege bitte, was ich tun kann, damit es für dich leichter wird, mitzuarbeiten.“

Empathie ist weder Nachgeben noch falsche Neutralität

Klar begrenzen, ohne die Person abzuwerten

Bei menschenfeindlichen oder diskriminierenden Äußerungen ist eine unmittelbare Grenze nötig. Verstehenwollen hebt die Grenze nicht auf.

„Ich stoppe diese Aussage, weil sie Menschen abwertet. Ich möchte zugleich verstehen, was du konkret meinst. Wir schauen uns an, worauf deine Aussage beruht und was sie hier in der Gruppe auslöst.“

05

Und manchmal gerät uns etwas in den Weg

Barrieren wahrnehmen, Spielraum finden

Stress & Zeitdruck

„Für Gefühle ist jetzt keine Zeit.“

Leistungsdruck

„Inhalt und Noten sind wichtiger.“

Überforderung

„Ich kann nicht allen gerecht werden.“

Vorurteile

„Bei dieser Person bringt es ohnehin nichts.“

Nicht alles ist sofort veränderbar. Die handhabbare Frage lautet: Wo habe ich trotz dieser Bedingungen einen kleinen Handlungsspielraum?

06

Klein, konkret, beobachtbar

Mein nächster Schritt

Nicht: „Ab morgen bin ich immer empathisch.“ Sondern etwas, das nächste Woche tatsächlich Platz findet.

Der Eintrag verlässt dieses Gerät nicht.

  • 60 Sekunden Ankommen vor einer Klausur
  • nach langer Inputphase Bewegung einsetzen
  • einen Moment länger warten
  • erst fragen, bevor ich interpretiere
  • eine Grenze setzen, ohne abzuwerten
  • drei Minuten zuhören, ohne sofort zu lösen

Referentin & Kontakt

Claudia Hillmer

Familien- und Traumatherapeutin
Supervisorin
Referentin für Empathie macht Schule

Fragen zum Workshop oder zu Empathie macht Schule?

info@familienberatung-hamburg.de

07

Sauber abgegrenzt

Quellen & Einordnung

Wissenschaftlicher Bezugsrahmen und EmS-Praxis sind hier bewusst getrennt. Die genannten Studien untersuchen benachbarte Konstrukte und Trainingsformen; sie sind kein direkter Wirksamkeitsnachweis für „Empathie macht Schule“ oder für einzelne Übungen dieses Handouts.

Wissenschaftlicher Bezugsrahmen

Forschung & Empfehlungen

  • Leopoldina (2024): Förderung der Selbstregulationskompetenzen von Kindern und Jugendlichen in Kindertageseinrichtungen und Schulen, besonders S. 7–10 und 50–61. Original-PDF
  • Ständige Wissenschaftliche Kommission (2024): Demokratiebildung als Auftrag der Schule, besonders S. 47–50 zu Unterrichtsklima, Perspektivenvielfalt und Konfliktbearbeitung. Original-PDF
  • Singer (2025): A neuroscience perspective on the plasticity of the social and relational brain. Überblick zu Empathie, Mitgefühl, Perspektivübernahme und mentalem Training. Open Access
  • Trautwein et al. (2020): Differential benefits of mental training types for attention, compassion, and theory of mind. Unterschiedliche Trainingsformen setzen unterschiedliche Schwerpunkte. MPG.PuRe
  • Singer & Klimecki (2014): Empathy and compassion. Unterscheidung von Empathie, Mitgefühl und empathischem Stress. PubMed

Übertragungsgrenze: ReSource-Studien wurden überwiegend mit Erwachsenen durchgeführt. Ergebnisse dürfen nicht ungekennzeichnet auf Schüler:innen oder EmS übertragen werden.

EmS-Praxis & lokale Arbeitsquellen

Didaktische Modelle & Übungen

  • Aktualisierte Hannover-Präsentation Workshop Empathie & Selbstregulation, Claudia Hillmer, 2026.
  • Aktualisiertes Lernskript Empathie, Selbstregulation und demokratische Beziehungsgestaltung, Claudia Hillmer, 2026.
  • Pentagramm der fünf natürlichen Kompetenzen nach Jes Bertelsen; lokale EmS-Grundlagen.
  • Glasscheiben-Metapher nach Lars Gustafsson, wie sie im aktualisierten Hannover-Lernskript als optionales Zusatzmaterial dargestellt wird.
  • Empathie-Dialog und Vier-Schritte-Format; interne EmS-Workshopunterlagen.
  • Helle Jensen: Beziehungskompetenz und Finn-Beispiel; lokales Skript Beziehungskunst in pädagogischen Einrichtungen.

Einordnung: Diese Modelle und Formate werden als EmS-Praxis beschrieben. Wissenschaftliche Anschlussfähigkeit bedeutet weder Identität mit untersuchten Trainings noch einen Wirksamkeitsbeleg für EmS.